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Darmstädter Tage der Fotografie – Archiv – 2007 – Ausstellungen – Sonja Braas
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Sonja Braas
The Quiet of Dissolution
Der Begriff der Naturkatastrophe definiert sich erst durch menschliche Existenz. Zerstörende
Kräfte in der Natur sind essentiell für deren Entwicklung, nur wenn ein Naturereignis
zur Zerstörung von menschlichem Leben und Lebensraum führt, wird es zur Naturkatastrophe
bzw. zur Kulturkatastrophe. Die Interpretation von Naturkatastrophen hat sich mit der Entwicklung
von Wissenschaft und Technologie geändert und Wissenschaft, Technologie und Philosophie
haben sich durch Naturkatastrophen entwickelt. Sahen 1675 Priester noch den Jüngsten
Tag gekommen nach einem Erdbeben in Christiania, formulierte Kant schon 1755 nach dem Lissabonner
Erdbeben eine Theorie über die Entstehung von Erdbeben, einer der ersten systematischen
Versuche, diese auf natürliche Ursachen zurückzuführen. Die Grundlage für
Geografie und Seismologie wurde gelegt, religiöse Überzeugungen wie die der Theodizee
hinterfragt und philosophische Richtungen wie die der Aufklärung beeinflusst. Laut Adorno
transformierte das Lissabonerdbeben die europäische Kultur und Philosophie. Auch weiterhin
haben Naturkatastrophen kulturelle und politische Konsequenzen, können, wie bei der Flut
in Ostdeutschland durch Solidarisierung mit den Opfern zur Schaffung einer nationalen
Identität führen, oder wie nach Hurrikan Katherina in New Orleans, soziale
Mißstände verstärken und aufzeigen.
Im Mittelpunkt des generellen Interesses an Natur steht die Steigerung der Effizienz
in deren Nutzung und Kontrollierbarkeit. Dabei führt das wachsende Maß an Einflussnahme
durch den Menschen immer mehr zum Gegenteil, dem teilweisen oder völligen Verlust der Kontrolle,
bis hin zur anthropogenen Katastrophe, der Umweltkatastrophe. Dadurch werden Zusammenhänge
komplexer, es gibt eine direkte Korrelation zwischen Kultur und Natur. Längst sind dabei die
Grenzen zwischen Natur- und Umweltkatastrophen fließend, Dürre, Fluten und Stürme
sind keine neuen Phänomene, nur deren Ausprägung hat sich verändert. Diese Symptome
üben eine Faszination aus, die proportional ist zu dem angerichteten Schaden, und bezeichnend
ist für die Weise, in der wir Natur, uns und die Rolle der Wissenschaft wahrnehmen, darüber,
was uns sowohl in den Bann zieht als auch beängstigt. Von besonderer Bedeutung ist dabei das
Verhältnis zwischen Naturkatastrophen und den der Definition von Gesellschaft dienenden Grenzen,
Limitationen oder Kategorien: Definition und Trennung des Normalen vom Anormalen,
Essbaren vom Ungenießbaren, Sauberen vom Schmutzigen. Wir sind abwechselnd fasziniert
und verschreckt vom Zusammenbruch eines Teiles dieser Regeln und der von diesen suggerierten
Sicherheit und Struktur, sowie der Möglichkeit des Kontaktes mit dem ›Anderen‹,
mit dem, was außerhalb unserer geregelten Welt ist, bedrohlich und sich unserer Kontrolle
entziehend. Kultur wird in vielen Weisen zum Symbol der Kontrolle über Natur – Natur
wird das Andere, vor dem Gesellschaft, Wissenschaft und Technologie uns schützen sollen.
Der Übergang von der Wahrnehmung der Natur als sublimer Kraft zur gefürchteten,
weil zerstörenden ist subjektiv undabhängig davon, ob die Erfahrung freiwillig
und temporär ist, wie bei Katastrophentouristen oder Fernsehzuschauern oder aber erzwungen
und zeitlich und in ihrer Konsequenz unabsehbar, wie bei den Opfern solcher Katastrophen.
Obwohl zumindest indirekt beteiligt empfindet sich der Mensch, wenn nicht direkt betroffen,
als losgelöster Zuschauer, der sich voller Faszination dem schönen Schauder hingeben
kann, den zum Beispiel die wiederholte Betrachtung einer scheinbar alles verschluckenden Welle
verursacht. Medien bedienen diese große Faszination für Beben, Feuer, Fluten und
Stürme. Naturkatastrophen und ihre Konsequenzen für den Menschen werden in Filmen
und Fernsehen zur Unterhaltung, wobei die den Medien inhärente Suggestion von
Omnipräsenz nach authentischer bildlicher Darstellung der Katastrophe verlangt, nach deren
Bezeugung. Da dies jedoch oft unmöglich ist, wird die aus der Abwesenheit resultierende
fehlende Authentizität suggeriert durch sich wiederholende Präsentation von
Amateurvideos oder, wie oft bei Erdbeben, von stark verwackelten Filmen von Überwachungskameras.
Die so entstandenen Bilder dienen nicht wirklich der Information, dafür sind sie zeitlich
und örtlich zu limitiert, sondern erzeugen Emotionen, von voyeuristischem Horror bis zur
starken Solidarität mit den Opfern. Die von Naturkatastrophen verursachten Szenen des
menschlichen Leidens, des Todes und der Zerstörung, sind vom größerem
Interesse als Bilder von Kriegen oder anderen Menschen gemachten Desastern. Die Naturkatastrophe
ermöglicht dramatische Szenen des menschlichen Mutes gegen den Hintergrund der
plötzlichen und verhängnisvollen Zerstörung durch Erdbeben, Tornados und Fluten,
die Bestätigung des letztendlichen Sieges des Menschen über die Natur, der Kultur
über das Chaos. Ebenso schnell und intensiv, wie die Berichterstattung beginnt, endet
sie auch bis zum nächsten Mal.
Mit der auf Gleichsetzung von Kultur und Ordnung sowie Natur und Chaos basierenden Ambivalenz
im Verständnis und in der Wahrnehmung von Natur in der verdichteten Form der Naturkatastrophe
befasst sich die Arbeit The Quiet of Dissolution. Trotz der komplexeren Definitionen von Grenzen
zwischen Kultur und Natur, durch die sich verstärkenden menschlichen Einflüsse
auf Natur und anthropogenen Ursachen von Naturkatastrophen, gibt es eine große
Faszination dafür, was bedrohlich erscheint und außerhalb unserer Kontrolle.
Es findet eine irrationale Überhöhung der Natur statt, sie wird mystifiziert, zum
Wesen, das wütet, sich rächt, zurückschlägt, zum Gegner, der in die
Schranken gewiesen werden muss. Wenn die direkte Gefahr vorüber ist, folgt dem meistens
ein ebenso irrationales Verdrängen, ein fast vollkommenes Ignorieren des Vorhandenseins
einer Natur und möglicher Risiken, wenn das Ziel ist, alles wieder so herzustellen, wie
es vorher war, als wäre nichts passiert und könnte auch nie wieder etwas passieren,
da Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft es nicht zulassen werden. Diese Ambivalenz zeigt
sich in The Quiet of Dissolution, in Form ikonografischer,
überhöhender Bilder von Katastrophen, eingefrorener Momente des Unvorhersehbaren,
des Plötzlichen und Überwältigenden. Großformatige Fotografien von
Modellen suggerieren Authentizität, um sie gleichzeitig durch die bildliche Ordnung
und Kontrolle des Chaos zu hinterfragen, Mystifizierung wird nachvollzogen und gebrochen.
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